Stefan

Stand April 2013

Ich wuchs "ganz normal" auf - als Mädchen. Als Kind wurde ich aber immer für einen Jungen gehalten, weil ich - bis auf einige Ausnahmen - immer nur Hosen und Pullover trug. Auch als ich eine Brille bekam, suchte ich eine "Jungsbrille" aus. Die Gestelle für Mädchen waren mir viel zu bunt und so. Beim Spielen habe ich mich immer mehr an Jungs orientiert als an Mädchen. Trotzdem war ich fest davon überzeugt, daß ich ein Mädchen bin.

Als meine Klassenkameradinnen in die Pubertät kamen, konnte ich immer nur sagen: "Bei mir ist es noch nicht soweit". Gedanken deswegen habe ich mir nicht gemacht, war eher froh, daß es bei mir noch nicht soweit war. Ich mochte mich gar nicht schon wieder mit etwas neuem befassen, vor dem ich auch nicht einmal weglaufen konnte. In dieser Zeit fühlte ich mich immer mehr außerhalb der Gemeinschaft der Klasse zu Mädchen aber auch zu den Jungen. Dann kam der Moment, in dem ich dachte, daß ich unfruchtbar bin, woher dieser Gedanke kam weiß ich nicht, es war halt so ein Gefühl.

Mit 17 konnte ich dann wirklich nicht mehr weglaufen, meine Mutter meinte, wir müssten jetzt mal zum Frauenarzt, das kann ja nicht so weitergehen. Bis dahin bin ich immer schön ruhig geblieben, weil ich gar nicht zum Arzt wollte, ich hatte fast panische Angst vor allen Ärzten. Jetzt wurde also zuerst eine Hormonuntersuchung gemacht mit dem Ergebnis, daß alles in Ordnung ist, nun sollte eine Chromosomenanalyse mehr Aufschluß bringen, dafür wurde ich ins Krankenhaus überwiesen. Die Chromosomenanalyse ergab dann 46XY/45XO. Zum Termin für die Diagnose bin ich wieder mit meiner Mutter hingefahren. Der Arzt hat uns beiden "alles" erzählt, über Chromosomenmosaik, reiner Gonadendysgenesie bis zur seiner Meinung nach nötigen Operation, der Gonadektomie. Ich sollte dann Hormone bekommen um mich "richtig" zu entwickeln.

Auf der Fahrt nach Hause haben meine Mutter und ich noch ein wenig über die Diagnose gesprochen, Zuhause angekommen wurde dann zur Tagesordnung übergegangen. Ich fühlte mich damit ganz in Ordnung, hatte der Arzt doch gesagt, daß ich nichts Gefährliches habe und ich ganz normal leben kann ohne Einschränkungen bis auf das Kinderkriegen. Das ahnte ich ja schon vorher und damit konnte ich leben. Somit hatte ich auch keine Veranlassung das Gespräch mit meinen Eltern zu suchen. Ich denke, daß mir dieses Verhalten meiner Eltern das Gefühl der Normalität gab, es wurde nichts überbewertet oder totgeschwiegen.

Ein Jahr später wurden dann die Gonaden entfernt. Nun hatte ich alles überstanden - dachte ich. In meinem Umkreis habe ich immer freimütig von meiner Diagnose erzählt. Das einzige Problem dabei war, daß manche mir das einfach nicht glauben wollten und mir in tröstendem Tonfall versicherten es sei schon alles in Ordnung mit mir. Es ist ja auch alles in Ordnung mit mir nur eben in anderer Ordnung.

Mit 21 habe ich geheiratet. Mein Mann wußte von meiner Diagnose und hat mich so akzeptiert wie ich bin. Ein paar Jahre später bekamen in seinem Bekanntenkreis alle nach und nach Kinder. Das war für mich manchmal eine schwere Zeit. Trotzdem haben wir eine Adoption nicht wirklich in Erwägung gezogen. Die Ehe wurde nach 6 Jahren Dauer geschieden aus anderen Gründen als meiner Diagnose.

Ich lebte dann mit einem Partner so vor mich hin, bis ich mit 33 Jahren, endlich mit Internet versorgt, anfing eine Selbsthilfegruppe zu suchen. Die Ärzte hatten mir gesagt, es sei sooo selten und sie könnten keine Kontakte herstellen, jetzt wollte ich es selber wissen. Zuerst habe ich nach Klinefelter gesucht, da viele Hörer meiner Diagnose mich dort einordnen wollten. Nach der Lektüre der Website fühlte ich mich genötigt, nochmal genau meine Unterlagen anzuschauen, ob ich nun 47XXY oder 46XY bin.

Mit aufgefrischtem Wissen über mein 46XY bin ich wieder in die Suchmaschine und habe dann relativ schnell auch die XY-Frauen gefunden. Jetzt ging es erst richtig los. Nach meiner Kontaktmail bekam ich eines Tages 6! Antworten. Das war ein Gefühl wie aus der Wüste zu kommen. Kurz darauf hatte ich dann den ersten bewussten Kontakt mit einer anderen XY-Frau. Das war ein ganz aufregender Moment. Aus heutiger Sicht bemerke ich, wie scheu wir mit der Intersexualität umgingen. Es war als ob wir etwas Ungehöriges tun. 

Im nächsten Jahr kam die Vereinsgründung, nun gab es uns ganz offiziell, sogar bei Gericht. Das war für uns ein großer Schritt, der auch ein neues Bewusstsein möglich machte. Zu dieser Zeit konnte ich auch dieses "Frau sein müssen" loslassen und mein Leben als Intersexueller Mensch führen. Das war ein Geschenk aus dem Zusammensein. Es folgten die Abneigung gegen die Östrogenbehandlung und über noch ein schlimmeres Präparat landete ich dann bei Testosteron. Jetzt begann eine ganz spannende Zeit, würde ich mich verändern, nicht nur körperlich, ich war mir nicht sicher, ob mein Wesen sich vermännlichen würde.

Mit neuem Mut begann ich dann noch andere Probleme meines Lebens mit einer neuen Therapie anzugehen, einige Jahre brauchte ich dazu und landete währenddessen ganz unten in den Abgründen des Leids. Von dort bin ich aber ziemlich schnell in ein stabiles Leben geschnellt, so kam es mir auf jeden Fall vor nach den vielen Jahren der Selbstfindung. Wobei sich wieder zeigt, dass man Veränderungen nur machen kann, wenn man den Istzustand akzeptiert. Das ist bei Intersex nicht anders.

Während dieser Jahre hat sich auch die Sicht auf mein Geschlecht, die Diagnose und die Mitteilungsart der Medizin verändert. Ich finde es heute schlimm, dass ich von der Medizin dermassen standardisiert in das weibliche Geschlecht sortiert wurde obwohl gerade diese Ärzte den Chromosomensatz bestimmt hatten und sich mit der Biochemie auskannten. Sie "rühmen" sich mit ihrem Fachwissen und ignorieren dieses unter einem gesellschaftlichen Druck völlig. So habe ich mehr als 12 Jahre verzweifelt versucht, diese erneute Geschlechtszuweisung zu leben, es hat nur nie geklappt. Dafür wurde mein Körper dermassen durch die Hormonbehandlung verändert, und es ist nicht mehr umkehrbar. Wenigstens der Stoffwechsel funktioniert durch Testosteron jetzt besser, mit den anderen "körperlichen Auffälligkeiten" muss ich nun wohl leben.

Seit gut zwei Jahren gibt es nun die SHG Intersexuelle Menschen. Ich habe gemerkt, dass ich mich nicht mehr als Frau sehe, nicht mal mehr als XY-Frau. Daher gibt es meine Geschichte nur hier. Als Gegengewicht zu meinem eindeutig weiblichem Vornamen habe ich mir dann einen männlichen Vornamen ausgewählt, unter dem diese Geschichte auch veröffentlicht wird. Ein gesundes Maß an Provokation hält die Gesellschaft wach....

Stefan